Wenn wir Schmerzen haben, sind wir selten geduldig und liebevoll. Ich erinnere mich an unzählige Male, in denen ich nachts ins Zimmer eines meiner Kinder gegangen bin und auf einen herumliegenden Lego-Stein getreten bin. Der Schmerz schießt durch den ganzen Körper, und wenn meine Frau dann besorgt ruft: „Alles in Ordnung, Schatz?“, fällt meine Antwort nicht gerade sanft aus. Eher ein genervtes: „Nein, ist es nicht! Was meinst du, warum ich so laut geschrien habe?“
Dabei meint sie es gut. Aber Schmerz macht uns eng. Wir kreisen um uns selbst, um das, was gerade weh tut. Rücksicht? Geduld? Freundlichkeit? Oft Fehlanzeige. Und genau deshalb ist das, was am Kreuz geschieht, so außergewöhnlich.
Jesus hängt dort – ausgepeitscht, verspottet, ans Holz genagelt. Jeder Atemzug ist ein Kampf. Jeder Moment ein Stück Sterben. Wenn jemand allen Grund hätte, nur an sich zu denken, dann er. Und doch richtet sich sein Blick nach außen.
Er sieht seine Mutter. Maria. Die Frau, die ihn geboren hat. Die ihn begleitet hat. Die jetzt unter dem Kreuz steht und mit ansehen muss, wie ihr Sohn stirbt. Was damals über sie gesagt wurde, wird bittere Realität: Ein Schwert durchbohrt ihre Seele (vgl. Lukas 2,35).
Neben ihr steht ein Jünger, den das Evangelium „den Jünger, den Jesus lieb hatte“ nennt. Viele gehen davon aus, dass es Johannes war. Sicher ist: Er ist da. Einer von wenigen, die nicht geflohen sind.
Und in dieser Situation spricht Jesus eines seiner letzten Worte. Johannes berichtet: „Als Jesus seine Mutter dort stehen sah und neben ihr den Jünger, den er lieb hatte, sagte er zu ihr: ‚Frau, das ist jetzt dein Sohn.‘ Und zu dem Jünger: ‚Das ist nun deine Mutter.‘ Von da an nahm der Jünger sie zu sich.“ (Johannes 19,26–27)
Mitten im Sterben sorgt Jesus vor. Er denkt an seine Mutter. Er weiß, was sie braucht. Schutz. Versorgung. Nähe. Und er vertraut sie einem Freund an, von dem er weiß, dass er treu sein wird.
In einer Welt ohne soziales Netz war das existenziell. Jesus regelt nicht nur etwas Organisatorisches. Er lebt, was er immer gepredigt hat: Liebe, die konkret wird. Verantwortung, die nicht wegschaut.
Das beeindruckt mich. Denn es zeigt: Selbst im größten Leid verliert Jesus nicht den Blick für andere. Er bleibt sich treu. Er bleibt dienend. Er bleibt liebend.
Und das stellt mir eine unangenehme Frage: Wie reagiere ich, wenn es mir schlecht geht? Ziehe ich mich zurück? Werde ich hart? Ungeduldig? Oder gelingt es mir, trotz allem noch den anderen zu sehen?
Natürlich sind wir nicht Jesus. Und doch sind wir eingeladen, von ihm zu lernen. Schritt für Schritt. In kleinen Situationen. Vielleicht beginnt es genau da, wo es weh tut. Nicht erst, wenn alles gut ist, sondern mitten im Chaos, mitten im Stress, mitten im Schmerz.
Jesus zeigt uns: Liebe ist nicht abhängig von Umständen. Sie ist eine Entscheidung. Und sie wird gerade dann sichtbar, wenn sie etwas kostet.
Herausforderung für heute: Wo bist du gerade selbst belastet oder unter Druck? Und gibt es vielleicht genau in dieser Situation einen Menschen, den du trotzdem sehen kannst – mit einem Anruf, einer Nachricht oder einer kleinen Geste der Fürsorge?
Sei gesegnet!
„Am Ende sind es nicht die Jahre in unserem Leben, die zählen, sondern das Leben in unseren Jahren.“ (Abraham Lincoln).


